Nach oben streben

Colorado, die farbige Schönheit. Und auch ein Stück der Seele der USA. All das, was wir von Europa aus sehen und nicht verstehen, hat hier seine Mitte. Die Waffen, die Armee und die Religion. Und der Sport.
Und Colorado Springs ist das Destillat von allem.
Diese Stadt ohne richtige Mitte liegt auf einem Hochplateau auf 2000 Metern Höhe, an der Kante zwischen Gebirge und der endlosen Fläche, der Plains. Die Luft ist so dünn, dass man mehr atmen muss als anderswo, das Licht ist heller und die Aussicht auf die Rocky Mountains ist göttlich.
So, und überall sind Kirchen, Kirchen, Kirchen.
Hier können sie sich austoben, hier müssen sie keine Steuern bezahlen. Und so wirkt diese Stadt als Magnet für alles, was irgendwie mit Gott zu tun haben glaubt. Hier hat Jesus immer ein Ausrufezeichen. Und man kann davon ausgehen, dass nahezu alle gegen Evolutionstheorie, Homosexualität, Klimaerwärmung und Drogen sind. Da ganze Paket eben.
Ab und an ist eine von ihnen für einen handfesten Skandal gut.
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Die meisten Kirchen haben Lagerhallencharme oder sind schönheitsfrei bombastisch.
Bis auf eine. Und jetzt kommt das Militär ins Spiel.
Auf dem Gelände der Airforce Academy, ja, mit Führerschein zeigen darf man rein, steht die Chapel. Gefasstes Licht für all diejenigen, die hier ausgebildet worden sind zu fliegen. Und Bronzeplatten für die, die ihr Leben gelassen haben. In Vietnam, Korea, Afghanistan, Irak und auch in Europa.
Damit die Götter nicht kollidieren, wurde schön getrennt. Das lichtdurchflutete Spitzdach ist für die Protestanten, das ganze Stockwerk drunter für die Katholiken. Der Keller ist aufgeteilt, rechtsrum geht es in die Abteilung für Moslems, linksrum in die für Juden und Buddhisten. Alles anteilig der Religionen der Kadetten.

Ein Museum zeigt noch, wie die Kadetten leben, wie sie feiern.
Die Mützen wirf man hoch, wenn alles vorbei ist. Etwas Geld steckt man rein für die, die sie auffangen.

Gold und Kuchen

Um die nächste Ecke liegt nun El Dorado. Naja, eher eine Goldgräberregion ist das um Cripple Creek. Angeblich haben sich da früher die Pferde die Beine gebrochen, weil sie dauernd in die Löcher der Grounddogs gestolpert sind, also so zum Krüppel wurden. Heute hat Cripple Creek was seltsam Schizophrenes, einerseits sieht man überall die alten Holzhäuser des Goldgräberstädtchens, andererseits guckt an jeder Ecke ein Casinoschild hervor. Man ist zum Mini-Las-Vergas mutiert. Hinter der Holzhäuserreihe stehen in Lauerstellung riesige Parkhäuser, damit ja kein Kunde entkommt. Beschaulicher geht es in Victor zu. Umgeben von verlassenen Minen dümpelt das Städtchen vor sich hin. Ein bißchen Show kann man bieten, ansonsten aber lieben die 300 Bewohner es beschaulich. Das Diner an der Ecke kann man empfehlen. Burger halt. Fragt man nach Kuchen, wird man zur deutschen Bäckerei geschickt, dort gäbe es Beesting. Genau, Bienenstich. Die dritte Strasse rechts und schon ist man da. Die Besitzer sind deutsche Auswanderer und freuen sich sehr über Besuch. Es gibt auch Schwarzwälder Kirschtorte und Schwarzbrot, eine Rarität in dieser Weltgegend. Es kämen Menschen herauf aus Colorado Springs, nur wegen Brot und Kuchen. Verstehen kann man es. Gleich daneben passen zwei ältere Damen auf einen Schatz auf. Eine ehemalige Druckerei ist nun ein Laden und man kann Dinge dort kaufen, von denen man nicht mal wusste, dass es sie gibt.
Aber verraten will ich nichts: fahren Sie nach Victor! Und wenn Sie deutscher Konditor sind, wandern Sie nach Colorado Springs aus. Sie werden heiß erwartet. (Ich habe versprochen, dafür zu werben. Der Konditor vom Schnitzelfritz ist nämlich wieder nach Deutschland zurück.)
Ab und an sehen wir die Reste der ehemaligen Gruben, die Eingänge sind verschüttet. Wie abgenagt stehen die Bretter in der Luft.
Die Berge drumrum sind keine, es sind Abraumhalden.
Die Goldförderung ist nun systematisch angegangen worden. Man beschloss, sich in den Erdball zu graben. Ein Riesenloch kann man sehen, wenn man den Führerschein zeigt und verspricht, die Strecke nicht zu verlassen. Das traut man sich auch nicht mehr, wenn man mal die Laster mit Bruchgestein gesehen hat. Da bleibt man einfach in der Reifenfuge kleben. In der winzigen Kabine, bitte suchen, sitzen meist nur Frauen. Sind zuverlässiger, sagen sie. Das muss man auch als Grubenarbeiter sein. Pro Tag wird in dieser Grube Gold im Wert von 1 Million Dollar gewonnen. Nein, dem Staat gehört sie nicht. Merkwürdigerweise fördert hier eine südafrikanisch-ghanesische Firma namens Anglogold Ashanti. Den Rest der Goldgewinnung konnte man leider nicht besichtigen, schade. Naja, ist aber auch grauslig giftig.



So, wenn Sie jetzt schon so weit unten angekommen sind, noch etwas von Bob Dylan. Passen Sie genau auf, bei 1:55 wird Cripple Creek erwähnt. Nicht ablenken lassen!

Siedlers Heim und Siedlers Funde

Stellen Sie sich die Alpen vor. Nein, nicht einen einzelnen Berg, sondern das komplette Paket, von Ost nach West. Gigantisch? Nö, mini im Vergleich. Die Rocky Mountains sind von allem das Zwanzigfache, höher, breiter, weiter. Eine Landschaft, die den Verstand kirre macht, Abschätzungen von Entfernungen unmöglich.

Nehmt Wasser mit, sagt der Freund, immer Proviant und geht davon aus, dass euer Handy keinen Empfang hat. Und immer tanken, wenn ihr eine Tankstelle seht. Die nächste kommt erst in 50 Meilen.
Übrigens die Meilen, ein Teufelszeugs. Sie werden nicht weniger beim Fahren, es sind immer nochmals 50 Meilen.
Wie die ersten Siedler das überhaupt geschafft haben, nach drei Monaten im Zwischendeck gammeliger Schiffe und dann noch Monate und Jahre im Planwagen Richtung Westen, ist mir schleierhaft.
Die Verzweiflung muss sie angetrieben haben, die Armut, der Wille.
Ich jedenfalls finde, ein 11-Stundenflug ist schon die Grenze der Zumutbarkeit. Ich wäre spätestens in der irischen See von Bord des Auswandererschiffs gehüpft.

So kann man die Bewunderung nachempfinden, die die Amerikaner den ersten Siedlern entgegen bringen. Einfache Holzhütten, mit Moos und Lehm verschmiert, werden verehrt, sie gehen andächtig an windschiefen Häusern vorbei. Das muss man wissen, wenn man sich in die Berge und die alten Goldgräberstädte begibt.
Die Lebensgeschichte von Adeline Hornbek ist sicher eine von vielen, mit ähnlichen harten Bedingungen, doch sie ist besonders.
Sie hat so viele Neuanfänge, sieben Kinder und naturwissenschftliches Interesse vereint, dass man voller Respekt ihre Homestead mitten im Hochmoor von Florissant betritt.

Wie sie die Zeit gefunden hat, noch nach Versteinerungen zu suchen, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls hat sie den Grundstein gelegt für einzigartige Forschungsarbeiten. Nirgendwo hat man eine solche Vielfalt an versteinerten Insekten gefunden. Eine Schlammlawine hatte vor 35 Mio Jahren ganz schnell ein Becken aufgefüllt, und voilà: jetzt ist da ein Museum, ein Nationalpark der versteinerten Bäume ist eingerichtet und Rangers führen einen rum. Da es einige Jahre nicht geregnet hatte, und dieses Frühjahr fast einer Flut glich, blühte es überall.
Allerdings mag man es hier nur, dass die Botanik schießt, ansonsten ist Waffenverbot.
Warum die Kiefern hier alle in sich gedreht sind, weiß bisher aber niemand.

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