Das Dorf

Anderswo nennt man es wohl Weiler, so klein ist es. Es liegt in einem Keil zwischen zwei Bächen ohne Namen in einem Wald, der auch nicht anders heißt als Der Wald. Die Häuser sind mit Schiefer gedeckt und stehen ein bißchen unordentlich der Straße entlang. Jedes sieht anders aus und will das auch. Sogar einen Bürgersteig gibt es. Doch mangels Bürger geht man hier immer noch auf der Straße spazieren. Aber eigentlich geht man nicht spazieren. Das macht man vielleicht am Sonntag oder wenn Besuch da ist.
Dann geht man auf den Friedhof. Im Großen und Ganzen ist er das einzige Ereignis im Dorf, der Friedhof. Man diskutiert über die Bäume da, die Hecke und den Weg. Und natürlich das Tor. Ab und an ist da noch der Baum, der seine Äste auf den Bürgersteig hängt, ein Thema. Aber nur ab und an.
Zwei Mal im Jahr treffen sich die ganz Fleißigen und putzen das Wartehäuschen und ein paar Beete werden in Ordnung gebracht. Anschließend isst man Fleischwurst zusammen.
Manchmal gibt es ein Dorffest. Wenn einer Lust hat, es zu organisieren. Wenn nicht, dann fällt es aus.
Zwei Bauernhöfe gibt es, mit richtig viel Kühen. Ansonsten arbeiten alle anderswo.
Am Samstag mäht man den Rasen und die Kinder malen die Straße voll. Hüpfquadrate meist, oder aber was Unanständiges. Das fällt natürlich unter die Kategorie Gehtgarnicht und es wird ein bißchen erzogen.
Man weiß viel und nichts über die Nachbarn.
Wo ein Kind kommt und wo einer krank ist. Wenn einer stirbt, bei dem es Erlösung ist, oder ein anderer, der viel zu früh und aus unserer Mitte… Wenn wer wen liebt oder nicht mehr liebt, wissen es alle, halten sich aber raus, geht ja keinen was an.
Man nimmt Rücksicht aufeinander und wenn das nicht möglich ist, kündigt man es an.
Jeder lässt den anderen sein, wie er ist. Meistens jedenfalls. Dass er merkwürdig erscheint, muss aber doch gesagt werden. Hilft ja nix.
So. Und da wohn ich.

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7 Gedanken zu “Das Dorf

    • Bin ein Stadtkind und kannte nur den Park, und manchmal den Wald außerhalb der Stadt als Natur. Dass sie jetzt durch mein Wohnzimmer läuft, daran habe ich mich gewöhnen müssen. Und dass die Johannisbeeren eben reif sind, wenn es Zeit ist, und nicht wenn ich Zeit und Lust habe. Dieser Rythmus des Lebens, der gefällt mir. Und er lässt die Schwermut verschwinden. Das ist gut.

  1. So ähnlich ist es hier. Nur kein Wald, stattdessen Weinberge und unten in der Ebene der Rhein.
    Dein Text würde bestens in das kleine, schöne, neue Buch passen, das ich hier liegen habe: „Wo ich wohne“. Schriftstellerische Annäherungen an das Literaturland Hessen. Hg. Ruth Fühner.
    Gruß von Sonja

    • Der Rhein ist wunderschön, ich liebe ihn. Ich fahre im Sommer öfter mal runter, nur um am Ufer zu sitzen und Schiffchen zu gucken.
      Sonja, das hast du sehr schön gesagt. Ich danke dir.
      Ich mag ja nicht so viel erzählen hier, ich möchte die anderen im Dorf nicht ins Licht zerren. Hier ist ja die große Welt im Kleinen.

  2. Ganz so verlassen wohne ich nun auch nicht, aber… winters irgendwie schon. Im Sommer aber wohnen hier dreimal mehr Ausländer als Einheimische. (Pariser sind auch Ausländer.)

    • Hier sind die großen Städte sehr nah. Und im Sommer sind die Großstädter in ihren Ferienhäuschen und auf Wanderungen in den Wäldern. Aber überlaufen ist es nicht in unserem vergessenen Winkel. Und wenn ich den Rappel bekomme, bin ich recht schnell in der Stadt. Aber dass Pariser Ausländer sind in Frankreich, tstststs.

      • Paris ist halt Paris – nicht nur im Elsaß (und wenn der Elsässer „Barissa“ sagt, liegt darin noch eine große Portion mehr Verachtung, als wenn sonst ein „Péquenot“ vom „Parigot“ spricht). Die Hauptstädter halten sich halt für den Nabel der Welt. Und bekommen dafür das Wechselgeld.

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