Tübingen, mon amour

Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses. Als ich damals weg ging, da war es so, als ob das Herz dort bliebe, am Fluß, am Hölderlinturm.
Erst viel später habe ich es abgeholt, doch es pocht noch aufgeregt und stark, wenn es wieder dort ist. Ob es bleiben will? Irgendwann? Wer weiß.

Diese Stadt ist Provinz, sie hat Zauber und ist doch voller Gewusel.
Im Sommer sind die Studenten weg, die Touristen da. Vielleicht Mama und Papa, die mal schauen wollen. Aber Tübingen hat keine Uni, Tübingen ist eine.
Alles ist verwoben, verbandelt, man wohnt bei den Proffessoren im Keller, am trifft sich an der Wursttheke. Und wie die Schwaben so sind, sie haben kein oben und unten.
Alles sind gleich nur einer von ihnen macht den König, auf Zeit eben.
So hatte der Obstverkäufer und Marktschreier, Politrevolutionär und Remstalrebell mit jüdischer Abstammung einen Sohn, der nun genau gegenüber seinem Obststand arbeitet. Nicht als Obsthändler sondern als Bürgermeister der Stadt Tübingen, grün und schwäbisch, das geht schon. Helmut und Boris Palmer, so.

Dass aber die Dörfer drumrum jetzt die Geschwindigkeit auf den Bundesstrassen auf 30 Kilometer pro Stunde runtersetzten und die beiden obligaten Starenkästen ergänzen durch mehrere angemietete schwarze Säulen, die in alle Richtungen fotographieren, bei Tag und bei Nacht, das ist dann schon jenseits der schwäbsichen Kontrollwut. Das ist eine Sauerei, sagen sie. Man kann da nix machen, sagen sie, zwinkern aber. Ihnen wird schon was einfallen.

Im Schloß dann bei dieser Bruthitze eine Klimaanlage mit Ausstellung, Steinzeitfunden, Kelten, Römer und Schönheit. Wie Schönes Wissen schaft.
Was finden wir schön, was hässlich. So ist mir das kleine Krokodil aus der Zoologie wieder begegnet, als Beispiel für Hässlichkeit. Och nö, Leute, so geht das nicht. Macht das nicht mit mir. Reptilien sind schön, Lebewesen sind schön.
Naja, dafür gab es Gegenstände, die jeder für schön hält plus einem gehäkelten Riff.
Das finde ich jetzt ziemlich skurril, es wirkt ein bißchen wie umhäkelte Klorolle auf Tauchurlaub. Aber man sieht, dass der Aufbau der Korallen einfachen Regeln entspricht, mathematisch erfassbar ist, wie überhaupt das Matehmatische erkennbar ist im Aufbau von Pflanzen und Tieren. Schön!! Schönheit macht neugierig.

Helmut Palmer
Wie Schönes Wissen schafft

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10 Gedanken zu “Tübingen, mon amour

  1. Ein Crocodilus Niloticus kann doch gar nicht hässlich sein, das geht gar nicht!

    Vielleicht wäre das Korallenhäkeln eine probate Guerillataktik, um die sterbenden Riffe wieder aufzuforsten?

  2. Hach! Da. Geht mir doch das Herz auf! Schön die Fotos aus meinem geliebten Tübingen! Wird langsam Zeit, dass ich mal wieder in der alten Heimat vorbei schaue!

  3. genau, wenn wir gar nicht wissen wohin, dann geht’s nach Tübingen. Im Museum oben im Schloss war ich das letzte Mal bei der Duckomenta, das war witzig. Und dort wurden die Duck-Objekte im ganzen Museum verteilt, eine ägyptische Mumie mit Entenschnabel zwischen den andern ägyptischen Objekten usw. Da kam man auf einmal auch in Abteilungen, die man sonst links liegen lässt.

    Und diese Schönheits-Debatte, die zieht sich für mich zur Zeit durch alles. Bei den Häusern ja auch, was ist da schön und erhaltenswert. Oder die technischen Denkmale, sind die jetzt schön oder nicht. Ich bin so oft umgeben von Leuten, die sagen: das trägt man jetzt nicht, das hat man gerade nicht, das ist deswegen hässlich. Für andere hängt Schönheit am Preisschild…

    Aber Krokos, keine Frage, die sind schön!

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