Bin ich schön?

Als kleines Mädchen muss ich unglaublich niedlich gewesen sein. Die Verwandtschaft stürzte sich auf mich, knuddelte und frisierte mich. Oder versuchte es zumindest. Es war mir unglaublich lästig. Heute noch spricht man davon, wie ich mich dagegen gewehrt habe.
Als dann die lange Locken ab waren und die Schule anfingt, war es mit der Niedlichkeit zu Ende.
Und ich war froh.

Alles Wichtige habe ich in der 5. Klasse erledigt. Ich wuchs auf einsfünfundsiebzig heran und ich bekam meine Tage. Die Schuhgröße schob sich auf vierzig und danach passiert nichts mehr.
Rein körperlich gesehen. Ich fuhr weiter Fahrrad und las die Bücherei durch von A bis Z.
Ich war die größte und folglich die schwerste der Klasse. Und im Sport unglaublich ungeschickt. Da wir lange Zeit fast nur an Geräten turnten, die zu klein für mich waren, kein Wunder.
Gezeigt hat mir niemand etwas und durch beobachten war es nicht herauszubekommen, wie man nun über den Bock sprang. Folglich galt ich als fett. Die Mädchen sagten mir das, in aller Freundlichkeit. Zuerst begriff ich nicht, dass das nichts Nettes ist, mit der Zeit dann aber schon. Ich wurde nicht in Mannschaften gewählt, bekam blöde Kommentare.
Meine Mutter war von ähnlichem Kaliber. Sie nähte uns die Kleidung, und fand, dass wir dünner sein sollten. Ich fühle heute noch ihren Klatsch auf den Bauch : Iss weniger!
Dabei kochte sie gut und sehr viel. Und ich aß gerne, tue es noch heute.
Und es gab eigentlich dauernd etwas zu essen.
So habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, ob ich nun schön bin. War ich ja nicht, war ja zu fett. Die Mitschülerinnen lasen Bravo, meine Mutter Burdamoden.
Auf die Idee, mich mit den dort abgebildeten zu vergleichen, kam ich nie.
Ich war anders und basta. Meine Leserei hatte mich immun gemacht. So viele Geschichten, so viele Leben waren im meinem Kopf, dass ich mir um mich wenig Gedanken machte.
Später dann hieß es plötzlich: hast Du schöne Lippen, hast Du schöne Haare, und Deine Beine!
Ich habe nichts geglaubt, ich war ja zu fett.
Dieses „fett“ hieß plötzlich Figur, Form, weiblich, und dabei war es die selbe Größe, die ich in der Pubertät trug.
Was ich gelernt habe:
Mädchen, und Frauen, leben im Vergleich mit anderen und legen somit die Quelle ihres Unglücks selbst.
Und Mädchen sind gemein zueinander. Nie habe ich so gnadenlose Kommentare bekommen wie von Geschlechtsgenossinnen.
In meinem ganzen langen Leben hat mir ein einziges Mal ein Mann gesagt, ich sei ihm zu fett. Ein kleiner, rotgesichtiger Kollege mit ungewöhnlichem Pullovergeschmack. Ich habe ihm geantwortet, dass er mir zu klein sei, und dann war gut.

Inspired by Das Nuf

Nachtrag: Bericht eines schwedischen Models über die Welt der Körpermaße

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16 Gedanken zu “Bin ich schön?

  1. Klasse! Ich war zwar nie zu „fett“, eher dürr, aber wohl zu jungenhaft. So war ich zwar ne Sportskanone, kriegte aber keine Jungs ab 😉 Ich fühlte mich auch wenig begehrlich. Und zu doof. Weil ich das mit dem Scminken nie kapierte. Später dann, später lernte ich, dass Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Aber da hatte ich mir tatsächlich schon angewöhnt, dass Äußerlichkeiten höchst unwichtige Dinge sind

    • Danke. Ja, Attraktivität ist etwas ganz anderes. Was es ausmacht, für das andere Geschlecht tatsächlich im Alltag anziehend zu sein, ist durchaus unterschiedlich. Und das beruhigt doch ungemein.

  2. Yeah! Die Geschichte mit dem Zwerg gefällt mir.
    Das wichtigste ist wohl die Ausstrahlung, aber die hat ja auch nicht jeder. Diese eingebildeten Schönheitsfehler, was habe ich darin gebadet und die längste Zeit meines jungen Lebens mit Betrachtungen meiner vermeintlich zu großen Nase und ähnlichem verschwendet.!
    Schlimm!
    Liebe Grüße
    Angela (aus der Erstarrung erwachend)

    • Ja, Zeitverschwendung, das ist es. Wãhrend man mit der Eigenbetrachtung beschäftigt ist, geht das Leben an einem vorüber. Aber jetzt geht es Dir wieder gut, abgesehen vom anderen Mist?

      • Ja, Danke, ich glaube schon. Aber die Seele ist zerrüttet. Ich hoffe, der Urlaub bringt was. Innere Ruhe wünsche ich mir.
        Aber erst mal Dir: Einen erfolgreichen Mai! Auf das Du das los wirst, was nicht da hin gehört!
        Liebe Grüße
        Angela

  3. Jennifer Lopez wurde in der Schule wegen ihres Gesäßes gehänselt. Heute lebt sie davon.
    So geht das. Zum Glück.
    Eine schöne Geschichte haben Sie da aufgeschrieben.

    • Danke. Körperformen sind ja auch Mode, und das auch noch geographisch-ethnisch begründet. Südamerika und Afrika haben üppige Poppos als Ideal, in der weißen Oberschicht der USA ist es eher der Busen. In Europa empfinde ich es als sehr durchwachsen. Man müsste mal das Schōnheitsideal von Schweden und Sizilien vergleichen. Vermutlich ist das attraktiv, was seltener ist, aber ebenmäßig.

  4. ein toller Text. Ich denke noch…
    es hängt so viel davon ab, wen man trifft, wer einen beeinflusst, ob Super-Heidi oder Bücher, wer was zu einem sagt. Ja, Glück gehört auch dazu.

    • Ein bisschen Teflon und ein bißchen Glück.
      Eine Freundin kam aus einer Bäckerei, die andere von einem Hof mit Mühlenbetrieb. Sie mussten beide viel helfen.
      Und bei uns zuhause war auch ein Geschäftshaushalt. Ich sah einfach Leute bei der Arbeit. Ohne Tennisclub und Ballett.
      Und ich glaube, ich war einfach tussiresistent.

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