Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

Am Sonntag Morgen irritiert aufwachen: ich liege im falschen Zimmer, im falschen Bett.
Dann kommt langsam die Erinnerung. In der Nacht war ein Umzug erfolgt, aufgrund von zwei Grad kälterer Luft.
Heute fängt der Tag nicht mit Frühstück an, Grund kommt später. Zuerst werden alle Türen geöffnet Richtung Garten und dann noch die Haustür. Oben erfolgt ebenso die Fensteröffnung, was immer schwierig ist, da die Fenster aus mehreren Teilen bestehen, die nur unter Verrenkungen erreicht werden können.
Dann wird geduscht, ebenfalls unter Verrenkungen, aber aus anderen Gründen.
Das Kleid hängt schon im Bad, so entfällt die Entscheidung vor dem Kleiderschrank. Eine Schuhauswahl gibt es nicht, da ich nur in einem Paar stehen und gehen kann. Und das mir, die gerne mit Absätzen klappert und Riemchen liebt. Ach, lassen wir das. Für Bedauern ist kein Platz, jetzt nicht.
Jetzt doch noch ein Glas Orangensaft, bevor es los geht. Gefrühstückt wird außerhalb, ausnahmsweise. Eigentlich mag ich es nicht, anderswo zu frühstücken. Ich esse nicht viel morgens und mag das gerne ohne fremde Menschen tun. Frühstücksscheu sozusagen.
Nun, heute lockt wenigstens die felsige Terrasse am kühlen Nordhang. Und die netten Bekannten. Wir machen nämlich „Gutscheine aufessen“ heute.
Die anderen Tische füllen sich schnell. Und wie das im ländlichen Bereich und bei meinem Beruf ist, fast alle kenne ich, kennen mich. Die anderen kennen den Mann oder die Bekannten.
Kurzes Grüßen und weiter essen.
Es fällt nicht auf, dass ich über einen Löffel Müsli und ein halbes Brötchen nicht hinaus komme.
Wir erzählen uns lustige Geschichten. Ein bißchen Kindheit und ein bißchen Kinder der Bekannten. Sie sind so stolz auf sie, können es auch sein. So harmonische Großfamilien voller schöner Menschen und ohne Arg beeindrucken mich immer. Und doch reden wir dann von den Kriegserlebnissen der Eltern und Großeltern. Und dass sie selten darüber geredet haben und ihnen keiner beim Bewältigen geholfen hat.
Der Wald um uns rum kühlt so schön, so dass wir recht spät aufbrechen.
Im vorgekühlten Haus ist die Temperatur erträglich, draußen sind es mittlerweile 38 Grad. Die Hängemattenplanung fällt aus. So lese ich auf der Couch Zeitungen, Briefe von der Versicherung und das Internet. Seit Monaten weigere ich mich zu irgendwas eine Meinung zu haben, oder mich aufzuregen. Es gelingt mir in allen Sachgebieten, außer im griechischen.
Woran das wohl liegt? Einiges an den Hauptakteuren erinnert mich an das Verhalten meiner fünfzehnjährigen Zöglinge in der Hochpubertät, hoher Lebendigkeitsgrad verbunden mit geringer Bereitschaft zur Einsicht. So lese ich mich am Referendumstag durch alle Berichte über griechische Befindlichkeiten und Schuldenstände. Nebenbei muss ich Tour der France gucken, wegen der Abkühlung. Dort regnet es nämlich und die Linsen der Kameras sind zugetropft.
Der Mann treibt sich im Garten herum, die Nachbarschaft lärmt etwas .
Um drei gibt es Essen, die Notration Maultaschen wird verarbeitet, dazu Salat aus Ochsenherztomaten. Jetzt muss ich wieder lesen und ein bißchen schlafen. Neben der Couch steht zum Glück der Ventilator. Der Mann ist immer noch draußen. Die Hitze macht ihm nichts aus. Vermutlich ist er im Besitz von Reptiliengenen.
Um sechs die ersten Hochrechnungen. Einerseits verstehe ich das Mittelmeervolk, dass sie aus Trotz und Bockigkeit mit Oxi stimmen. Diese „Würde und Erniedrigungssuaden“ kann ich allerdings nicht mehr hören. Andererseits denke ich, wie kurzsichtig seid ihr doch, ihr Menschen, die ihr jetzt schon am Tropf hängt.
So, inzwischen ist es kühl genug, die Geleegläser anzuzünden und zu schließen, die ich die Nacht davor aus Johannisbeeren eingekocht habe. Ja, vermutlich bin ich die einzige Irre im Dorf, die bei der Hitze dem Einkochtrieb nachgibt. Langsam verstehe ich die Griechen : Hitze frisst Hirn.
So kann ich jetzt im etwas kühleren Arbeitszimmer die Überweisungen machen. Dann drucke ich noch einen Vertrag aus, unterschreibe ihn und scanne ihn wieder ein.
Mails sind aufgelaufen, die kurz beantwortet werden. Erschrecke darüber, dass ein Freund Geburtstag hat , und maile ihm noch schnell ein Ständchen.
Draußen ist es kühler als drinnen, es erfolgt nun wieder eine Komplettlüftung.
Wir stellen fest, dass wir vergessen haben zu Abend zu essen und gehen ins Bett.

Frau Brüllen hatte gefragt: “ Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“

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4 Gedanken zu “Was mache ich eigentlich den ganzen Tag?

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