Menschen

„Willst Du meine Freundin sein?“ An einem hellen Vormittag in der dritten Klasse fragte mich das die M. Und stürzte mich damit in tiefste Verzweiflung. Sie hat mir einen Tag Zeit gegeben für die Antwort. Das war das erste Ultimatum meines Lebens. Ich hatte immer Mãdchen, die ich besuchte, die mich besuchten, die mit mir am Morgen zu Schule gingen oder am Nachmittag ins Freibad. Das waren verschiedene, das eine Nachbarskind, dann die Tochter vom Friseur, das andere Nachbarskind. Waren das meine Freundinnen? Ich glaubte schon, hatte aber nie danach gefragt, sie mich auch nicht.

Am Abend erzählte ich es dann meine Mutter, und fragte, was ich tun sollte. Ich hatte richtig Angst vor dem nächsten Tag. Sie sagte mir, dass man Freundschaft fühlt und nicht beschließen könne. Und dass man so eine Frage folglich auch nicht beantworten könne. Und dass Freunde diejenigen wären, mit denen man gerne zusammen sei. Das habe ich dann am nächsten Morgen M gesagt. Sie hat dann lange nicht mehr mit mir geredet. Ich glaube, sie hat sich gerächt, viele Jahre später. Und hat mich in die peinlichste Lage meines Lebens gebracht. Das ist aber eine andere Geschichte.

 

 

 

 

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7 Gedanken zu “Menschen

      • Es gibt Ausnahmefälle, wo es so sein kann.

        Ich habe eine ehemalige Studienkollegin (damals die jüngste in meinem Studiengang und sieben Jahre jünger als ich), als wir zu Beginn des Studiums aufeinandertrafen, sind (für mich sehr sehr untypisch) die Fetzen geflogen. Das ging eine Weile so und ich war drauf und dran zu denken „Blöde Kuh, mit der will ich aber gar nichts zu tun haben, geschweige denn befreundet sein!“. Aber irgendwie fand ich das doof. Kann gar nicht mal genau sagen, warum. Vielleicht weil ich wusste, dass wir noch mindestens vier Jahre miteinander zu tun haben würden. Jedenfalls hab ich damals für mich gedacht, das kann doch jetzt echt nicht sein. Schau noch mal genauer hin. Ich habe mich dann entschieden, das Gespräch mit ihr zu suchen. Nicht um über die Konfliktpunkte zu reden oder so, sondern einfach Gespräche von Mensch zu Mensch über Gott und die Welt. Und für mich selbst höchst überraschend, fanden wir plötzlich Gemeinsamkeiten und dann hab ich mich entschlossen, ihre Freundin zu sein. Wir wurden beste Freunde und nach einem Jahr als quasi „unzertrennlich“. Die Freundschaft zwischen uns besteht heute noch. Wenn ich also damals nicht den Beschluss gefasst hätte, wäre mir ein sehr lieber Mensch und eine Lebensfreundin verloren gegangen.
        Ich bin aber natürlich damals nicht zu Ihr hingegangen und hab Ihr ein Ultimatum gestellt. 😉

        Der andere Punkt, den ich echt schwierig finde: Es gibt sicher unterschiedliche Formen von Freundschaft. Ich kann durchaus jemandem ein Freund/eine Freundin sein, ohne dass der oder diejenige auch mein Freund sein muss. Aber der Regelfall ist doch eigentlich, dass zu einer Freundschaft immer zwei gehören. Wenn ich aber jemandem nie sage, dass ich ihn oder sie als Freundin ansehe oder ihm oder ihr eine Freundin bin, woher will ich dann wissen, ob es umgekehrt genauso ist? Einfach davon ausgehen, kann nach hinten losgehen. Und menschliche Interpretation von Verhaltensweisen oder Reaktionen auf irgendwas können sehr falsch liegen.
        Vielleicht kann sich jemand gar nicht vorstellen, dass irgendjemand (oder im konkreten Fall ich) überhaupt sein Freund sein will. Würde sich daher auch nie wagen, zu fragen. Oder umgekehrt, vielleicht wäre ich gerne mit jemandem befreundet, weil ich große Sympathie empfinde, der andere hat aber keine Ahnung davon oder kommt schlicht nicht auf die Idee. Wenn dann keiner was sagt, kommt man nie zueinander, jedenfalls nicht als echte Freunde. Verstehst Du, was ich meine?

      • Oh ja, jetzt weiß ich es. Danke für die so ausführliche Antwort.
        Meine Freundschaften sind alle von der unausgesprochenen Sorte. Ich gehe einfach davon aus, wenn jemand mit mir was unternehmen will und ich mit ihm, und wir uns privates erzählen und helfen, wenn nötig usw. und uns ausweinen, dass wir Freunde sind.
        Ich habe nie gefragt und wurde nie gefragt, nicht aus Angst vor der Antwort, sondern weil ich die Freundschaft einfach fühle. Dabei kann es sein, dass mal ne Weile Abstand da ist, und dann wird es wieder enger. Ich kenne es aber auch, dass sich Beziehungen zu Menschen entwickelten, mit denen ich mich ausführlich gezofft habe. Ob das an den Ähnlichkeiten liegt?

  1. Ihre Mutter ist aber ein sehr diplomatisch. Ich war auch immer das Kind mit dem sich niemand befreunden wollte, aber ich habe nie gefragt. Ultimaten sind etwas Fürchterliches finde ich, egal in welcher Situation.

    • Dass niemand mit Dir befreundet sein wollte, kann ich fast nicht glauben. Die haben sich halt nicht getraut und die Nonnen haben den Rest erledigt.
      Ich glaube nicht, dass M. eine Freundin suchte. Sie nahm eher Ausschau nach Untertanen, ich habe mich gefürchtet vor ihr. Freundschaft ist für mich etwas wie Liebe, man weiß, dass sie da ist, ohne dass man sie benennen muss. Ich glaube, ich habe Freunde, müsste sie aber mal befragen, ob sie es auch so sehen.
      In der Pubertät war es schwer. Ich durfte nicht weg und ich habe so viel gelesen. Beides erhöht die Attraktivität nicht gerade.

      • Nein, Untertan sollte man nicht werden. Solche Hofstaatmädchen habe ich nie gemocht und mich immer gründlich vor ihnen versteckt…

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