Geschenke der Götter

An der Kasse im Supermarkt werde ich freudig begrüsst. Die Kassiererin ist die Mutter einer ehemaligen Schülerin. Als sie alles eingescannt hat und mir den Preis nennt, gebe ich ihr zwei Scheine.
„Haben Sie mir noch nen Euro?“ fragt sie.
„Das hört man heute auch nur noch selten,“ antworte ich, während ich im Geldbeutel krame.
„Das hieß doch: haste mal ne Mark,“ antwortet ein großer schwarzgelockter junger Mann hinter mir, der seine Bierdosen auf das Band stellt.
„Ja, stimmt, “ sage ich, “Warum ist das eigentlich verschwunden?“
„Wir sagen es nicht mehr, weil wir unseren Stolz haben. Ich lebe nämlich auch auf der Strasse.“
„Ja, wovon leben Sie denn?“
„Wir sammeln Pfandflaschen,“ sagt er.“Die Leute werfen einfach alles weg.“
„So gesehen sind das ja dann auch Geschenke.“
„Ja, sagt er. Geschenke der Götter.“
Ich will sein Bier bezahlen, das hat er aber schon selbst.
Und so gebe ich ihm das Geld direkt in die Hand.
Er schaut mich an und geht weg, das Bier bleibt auf dem Laufband. Die Verkäuferin ruft ihm nach, mit Tränen in den Augen, und er kommt zurück und holt es sich.

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5 Gedanken zu “Geschenke der Götter

    • Danke sehr. Beinahe wäre dieser Moment vergessen worden, wenn ich in der Nacht hätte schlafen können. Und wie das mit Mitternachtsgeschichten ist: sie leuchten für einen kurzen Augenblick.

  1. Manchmal denke ich, die Leute stellen ihre leeren Pfandflaschen absichtlich an Hausmauern, Randsteinen oder neben Parkbänken ab damit sie nur ja gleich gefunden werden. Vielleicht ist es aber doch nur Faulheit. Wär schade.

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