WmDedgT 1/2018

Frau Brüllen will es wieder wissen: was machen wir eigentlich so den ganzen Tag.
Ich sag es gleich: es war nicht viel los an diesem Tag. Was auch daran liegt, dass ich erst um halb fünf in der Früh eingeschlafen bin. Wegen Schmerzen und so weiter. Habe nämlich eine neue Baustelle, man glaubt es kaum, dass es bei mir noch Körperteile gibt, die noch nicht im Reigen waren, aber nun. Es hat mir keiner versprochen, dass das Leben leicht sein wird. Jedenfalls fühlt sich die 9Uhr-Aufstehzeit an wie mitten in der Nacht. Herr croco stresst, da er schon längst hãtte weg sein müssen. Im Gästezimmer rührt sich auch nichts. Die Mama ist wegen Müdigkeit wieder ins Bett gegangen. Irgendwann sitzen alle um den Frühstückstisch und es geht los. Der Kaffeeautomat weiß das noch nicht und produziert bräunliche Plörre. Was habe ich mich über das Mistding schon geärgert. Er hat zwar ein Saecoherz, aber die Technik drumrum ist von einer anderen Firma. Sobald die Maschine mahlt, wackelt sie so, dass sich die Bohnen verklemmen und den Schacht zum Mahlwerk versperren. Meist. Manchmal ist es aber auch was anderes. Jedenfalls hole ich zuerst die Brühgruppe raus, spüle sie, schaue, ob was klemmt. Dann pople ich die Bohnen aus dem Trichter und rüttle gleichzeitig. Eigentlich geht das nur mit Kinderfingern. Ich schimpfe also. Beschimpfen ist übrigens eine Methode, die sowohl bei technischen Geräten als auch Zimmerpflanzen hervorragend funktioniert. Sie benehmen sich sofort, so auch hier. Das Frühstück ist rum und ich beschließe, das Haus heute wegen Müdigkeit und schlechtem Wetter nicht mehr zu verlassen. Die Mama ist eh schon aufgeregt, weil es wieder heim geht. Die Vorräte sind schon gekauft, so dass sie zuhause einen guten Start hat. Ich beschließe meditatives Bügeln, sonst eine einsame Tätigkeit, und mir das durch Mamas Geschichten vergnüglich zu gestalten. So sitzt sie also auf dem roten Bürostuhl neben mir im Keller, mit Goldkette und glänzenden Ohrclips ausgestattet, und berichtet mir über die weitverzweigte Verwandtschaft und ihren Bekanntenkreis. Sie mag es nicht, nichts zu tun zu haben. So legt sie nebenher Wäsche zusammen. Das ist die Bügelphase eins. Das Mittagessen besteht aus Aufgewärmtem und einem Orangen-Fenchel-Salat, den sie vorsichtig probiert und dann mag. Der Nachtisch für sie besteht aus einem Magnumeis. Meine Mutter hat zwei Mägen, glaube ich. Einen für normales Essen und einen anderen für Eisbecher und Magnums. Sie ist satt, aber dann geht plötzlich noch ein ganzer Erdbeerbecher oder ein Magnum rein, unglaublich! Sie ist so klein und dünn geworden, dass sie etwas zulegen muss.
Wir landen zur Bügelrunde zwei wieder im Keller. Anschließend packt sie ihre Koffer und die Kleider in Kleidersäcke. Der Auszug aus Ägypten! Wir verschwinden nochmals im Keller Richtung Bügeleisen. Dann gibt es Abendbrot und wir planen ihren runden Geburtstag im Frühjahr. Es wird zwei getrennte Veranstaltungen geben, einmal die Bekannten, zum anderen die Verwandtschaft. Namenslisten werden angelegt, mit Fürs und Widers, alles in historischen Zusammenhängen. „Alle oder keiner“ von Herrn croco aus der Wohnzimmerecke gerufen, kürzt die Diskussion ab. Dann gibt es etwas Fernsehen, Großvater sucht halb Griechenland nach dem Vater der Enkelin ab, bis er im Kloster landet und einen Mönch als solchen identifiziert. Der Drehbuchschreiber muss was merkwürdiges geraucht haben. Die Mama ist längst schon weggeschlafen. Als ich auf Janis Joplin umschalte, wacht sie auf. Herr croco bringt Nougat, Saft und Schokolade und schaut mit der Mama witzige Clips an. Ich zieh mich zurück und spiele noch ein bißchen. Dann Bett.

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Twitterlieblinge 12/2017

Ein anstrengender Monat war das. Die jährliche Mühle aus Konferenzen und Korrekturen hat versucht mich zu pulversieren.

Es ist ihr nicht gelungen. Dafür gab es zuhause keine Weihnachtsdeko und kein Plätzchengebacke. Ich habe alles trotzdem überlebt ohne Schaden zu nehmen.

Dafür gab es eine Woche in der Sonne. Mit dem getankten Sonnenlicht müsste ich den März erreichen, ohne Schaden.

Und jetzt zu den Twitterlieblinge im Dezember. Twitter will ja ärgern und würfelt die Erscheinungsdaten durcheinander. Keine Ahnung, was sie sich davon versprechen.

Habe versucht, etwas Ordnung zu schaffen.

Veil Spaß! Wer noch mehr mag, guckt bei Anne.

Ein interessanter Tag

Der Anfang kann sich sehen lassen. Wir sind rechtzeitig am Flughafen, am Schalter wartet nur ein Mensch vor uns. Der Herr der Fluggesellschaft sieht aus wie der Engel Gabriel von Weihnachtsmarkt Tage vorher, ein gutes Zeichen. Allerdings unterbricht er mehrfach, um sich über zwei Laufbänder zu schwingen und einer ziemlich hilflosen Kollegin am Nachbarschalter beizustehen. Zum Abschied sagt er uns noch, dass das Flugzeug Verspätung haben würde. Wir recht er doch hatte! Den Rollator fixieren wir noch mit Kabelbindern und geben ihn ab. Der Rollstuhlservice steht bereit, die Mama setzt sich und wird durch alle Schleusen bugsiert. Mit ihrer schwarzen Schirmmütze aus Samt sieht sie aus wie Yoko Ono auf der Pirsch. Sie ist ja immer passend gekleidet und würde nie braune Schuhe zum schwarzen Kleid tragen, so wie ihre Tochter. Nun, der Herr vom Service wusste nicht genau, welches Gate wir nun nehmen sollen und setzt uns bei der Sitzreihe für Behinderte ab. Noch zwei weitere Rollstühle stehen da. Das Flugzeug ist noch nicht gelandet, es dauert also noch. So fahre ich Mama mit Rollstuhl zu diversen Taschen- und Designergeschäften zum Windowshopping. Wieder zurück trifft mit einer Stunde Verspätung der Flieger ein, Nikki steht drauf. Ja, die Nikki, die die zwei Wochen vorher insolvent gegangen ist. Ja, das Flugzeug fliegt jetzt für eine andere Gesellschaft, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Es wird noch geputzt, dann dürfen die Rollileute als erste rein, wir mit. Fensterplatz, alles ist nun in Ordnung, denke wir. Bis hinter uns plötzlich Unruhe entsteht.
Zwei Menschen stellen Ansprüche auf zwei schon besetzte Plätze, in sehr zackigem Ruhrpottton. Der Bordkartenvergleich ergibt, dass tatsächlich doppelt verteilt wurde. Die junge Stewardess wirkte etwas hilflos und bittet die Ruhrgebietler, sich doch erstmal anderswo zu setzen. Nein, sie wollten diesen Platz haben und bleiben stehen. Da stehen sie übrigens die nächste halbe Stunde. Die Stewardess tut nun das einzig richtige, sie sammelte Ausweise und Bordkarten ein. Und vergleicht. Dabei kommt Wunderliches zutage. Die Namen der Ausweise und der Bordkarten stimmten nicht überein, keinem war es bisher aufgefallen, dass ein Mann dieser Statur unmöglich Herta Herbst heißen konnte, auch Olav Wienhold selbst nicht. Haben Sie nicht mal die Bordkarte angeschaut? fragte die Stewardess. Nein, warum sollte ich.
Nicht nur Doppelvergabe der Sitze, nein auch Geschlechtsumwandlung.
Die Stewarts beraten sich. Kein Abflug mit ungeklärten Identitäten. Wo sind übrigens Herr und Frau König? Eingecheckt haben sie, fehlen aber. Mittlerweile hatten wir zwei Stunden Verspätung. Jetzt greift das Cockpit ein, man könne eh nicht fliegen, drei Instrumente zeigten was Merkwürdiges an, die Techniker seien aber an der Arbeit. Man schickt das Hertadouble zurück zum Einchecken. Im Gang steht immer noch der Ruhrpott im Wege. Das Baby in der Reihe davor beginnt zu quäken, Hunger. Der Vater bittet die Stewardess ein Gläschen zu erwärmen. Diese ist mittlerweile an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt, und sagt sie hätte genug zu tun und können nicht auch noch was warm machen. Das Kind wird lauter. Der Kapitän teilt mit, dass sich nichts Neues ergeben habe. Beschwerden kommen, dass es auch englisch sprechende Gäste gibt und er möge das auf Englisch wiederholen. Was er sofort tut. Dann kommen Beschwerden, dass man ja kein Englisch verstünde und ein deutsch Pilot bitte Deutsch sprechen soll. Herr und Frau König finden sich mit hochrotem Kopf ein, sie saßen im falschen Flugzeug. Das Hertadouble ist auch wieder da und es stellt sich heraus, dass alle mit falschen Sitzplatz und der Geschlechtsumwandlung von der selben Schalterperson, siehe oben, eingecheckt wurden. Mitterweilse sucht man jemanden, der Ungarisch spricht. Das Baby hat jetzt Brei und ist still. Draußen trifft ein weiterer Techniker ein, Air Berlin steht auf dem Auto. Diese sind schon im Sommer insolvent geworden. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass ich aus Versehen in ein Paralleluniversum gerutscht bin. Die Mama am Fensterplatz ist erstaunlich gelassen und berichtet weiterhin, was zu sehen ist.
Auch die neuen Techniker sind nicht erfolgreich, teilt der Pilot mit, beschließt, nicht zu fliegen und lässt das Flugzeug räumen. Draußen würde man mehr erfahren, man kümmert sich. An einem anderen Gate gäbe es noch Flüge, man solle sich doch dort hin bewegen. Das Flugzeug ist leer, doch gibt es keine Rollstühle für die Gehbehinderten. Ein freundlicher Herr holt den Rollator aus dem Gepäckraum, aber, Sie erinnern sich, die Kabelbinder! Im ganze Flugzeug gibt es ja kein Messer, kein, kein einziges. Der Kapitän wird geholt, der dann eine Streitaxt bringt mit der er die Kabelbinder kappt. Wofür braucht man so ein sauscharfes glänzendes Beil an Bord?
Als wird draußen sind, erfahren wir, dass man sich doch zu Gate XY bewegen soll, am anderen Ende des Flughafengebäudes, dort gäbe es Flüge und Neuigkeiten. Mit dem Rollator ein Unding. Herr croco hat aber mittlerweile das Rollstuhldepot gefunden und einen ausgeliehen. Die Mama lässt den Rollator los und wird auf den Rollstuhl bugsiert. Herr croco rennt also mit dem Handgepäck und dem Rollator voraus, ich mit dem Rollstuhl und der Mama hinterher. Sie solle sich gut festhalten, das war die einzige Anweisung. Wenn der Rollstuhl mal in Schwung ist, läuft es ganz gut.
Am Gate XY hätten eigentlich Kinder und behinderte Menschen Vortritt. Nur jetzt halt nicht. Vor uns geht die Klappe zu. Ich rufe im Reisebüro an wegen eines Ersatzfluges und beim Abholservice wegen Absage. Da sitzen wir nun. Die beiden anderen Rollstuhlfahrer haben es auch nicht geschafft einen Platz zu bekommen. Sollen wir im Hotel anrufen, dass wir nochmals eine Nacht bleiben möchten? Schön war es da ja. Aber Herr croco musste samstags arbeiten, es würde schwierig.
Jetzt kommt der nette Stewart von vorhin, wir sollten doch bitte zurückkommen zum alten Gate AB. Man würde doch fliegen, alles sei gut und repariert. Der Rückweg geht gemächlicher, Herr croco besorgt was zu Essen, das Frühstück ist mittlerweile auch schon 8 Stunden her.
Die Herren vom Rollstuhlservice sind plötzlich wieder da und übernehmen. Beim Rennen hätte ich sie gebrauchen können! Der Rollator bekommt wieder Kabelbinder und wir unsere alten Sitze. Und es geht tatsächlich los. Es ist viel Platz im Flugzeug, und wir sehen den schönsten Sonnenuntergang, den es je über dem Mittelmeer gegeben hat.
Auf dem Flughafen müssen wir dann nur noch zwei Stunden auf dem Abholservice warten und zuhause liegt Schnee. Kurz vor Mitternacht trinken die beiden anderen ein Bier und ich eine Limo.
Oder wie die Mama sagt: ein interessanter Tag.